Wer bezahlt das Festival am Partwitzer See?

Es war eigentlich alles gesagt zum Festival am Partwitzer See. In einem Monat findet es unwiderruflich statt. Von 40.000 Gästen je Abend (120.000 an drei Tagen!) wurde anfangs gesprochen. Das korrigierten die Veranstalter stufenweise auf mittlerweile 10.000 (30.000 an drei Tagen), womit man der Realität etwas näher kommt, aber damit auch einem gewaltigen Problem: den Kosten.

Wer bezahlt das Festival am Partwitzer SeeDer Hoyerswerdaer fragt sich nun zu Recht: Wer begleicht eigentlich die Ausgaben, wenn gar nicht so viele Gäste kommen, wie zu Beginn für ein Plus in der Kasse kalkuliert worden ist? Immerhin werden jetzt ganze 75 Prozent weniger erwartet. Dass es nicht wesentlich mehr werden, dürfte jedem klar sein, der sich nur ein wenig mit Lausitzer Events auskennt.

Regelmäßige Veranstaltungen in Hoyerswerda und der Lausitz sind Mangelware geworden. Dort, wo sich vor einigen Jahren noch Partymacher um die besten Termine prügelten, macht nun einer nach dem anderen seinen Laden dicht. Noch existierende Veranstaltungen knabbern fast ausnahmslos an Besuchereinbrüchen bis zu 60 Prozent. Selbiges ein paar Kilometer weiter oben: der Lausitzring. Warum steigen dort trotz bester technischer Voraussetzungen keine Festivals, Konzerte oder Partys mehr? Selbst das Hoyerswerdaer Populario-Festival – eine Indie-Größe – hatte seinerzeit aufgegeben. Und das hat doch Gründe. Es fehlen schlicht und einfach die Leute in der relevanten Zielgruppe, die noch ausreichend Ressourcen in der Brieftasche haben.

Eine grobe Rechnerei: In Hoyerswerda wohnen 14.000 Menschen zwischen 20 und 55 Jahren. Das ist meiner Meinung nach die Altersgruppe, auf die offensichtlich abgezielt wird. Davon ziehen wir mal geschätzte zweitausend Empfänger von Sozialleistungen und die Geringverdiener ab, die sich die Festivalkarten nicht leisten können. Ein Drittel mag die Musikrichtungen nicht, ein weiteres Drittel findet keine Zeit, kommt Arbeitsverpflichtungen nach oder ist krank. Bleiben knapp 3.000 Menschen übrig, die als potentielle Gäste zur Verfügung stehen. In anderen Städten der Region sieht es ähnlich aus.

Auch das Argument der Besucherscharen aus Berlin, Dresden oder Leipzig zerfällt beim strengeren Hinsehen: Wenn man einen Bäcker in der eigenen Straße hat, fährt man doch auch nicht ans andere Ende der Stadt, um Sonntagsbrötchen zu kaufen. Da müssen die Schrippen schon fantastisch sein. Das neue Festival mag wohlmöglich irgendwann so fantastisch werden, aber das weiß ja niemand. Für Dresden oder Berlin kann ich nicht sprechen. Aber in Leipzig habe ich zwei Plakatwände entdeckt. Noch hinter Großzschocher auf einer kleinen Straße… Da wäre ich spontan dafür, noch eine Werbetafel in Zimpel aufzustellen.

Selbst in sozialen Medien werden die Potentiale verschenkt. Wobei dort einfacher denn je zu werben ist. Die Kraft der sozialen Medien durfte das Team mittlerweile kennenlernen: Die an den Haaren herbeigezogene Absage an die Band «Immerhin» zum Bandcontest sollte wohl die Provinz-Version des With-Full-Force-Debakels werden, hat aber nur eine Welle entrüsteter Fans heraufbeschworen, die diese Idee nicht ganz so toll finden.

Aber was soll’s. Bei jedem anderen Veranstalter würde man jetzt den Kopf schütteln und zum Tagwerk übergehen. Sollen die doch schön ihr Geld zum Fenster für Projektleiter, extra angelegte Baustraßen oder teuer eingekaufte Dienstleister rausschmeißen… – Aber irgendwie ist es in diesem Fall doch gar nicht deren Geld…

 

Wo das Geld herkommt

Die Lausitzhalle als Veranstalter des Festivals ist ein Tocherunternehmen der Städtischen Wirtschaftsbetriebe Hoyerswerda (SWH). Eine Holding, die zu einhundert Prozent der Stadt Hoyerswerda gehört. Also einer Kommune, die sich großteils über Steuergelder finanziert. Momentan werden Verluste der unter der Holding verwalteten Kultureinrichtungen mit den Einnahmen der Versorgungsbetriebe quersubventioniert, an denen die SWH das Gros der Anteile hält. Das städtische Kulturhaus erwirtschaftete in den Vorjahren bekanntermaßen keine Gewinne und besitzt auch keine Rücklagen. Dieses Defizit wird angesichts der desaströsen Besucherzahlen der Lausitzhalle 2013 eher noch steigen.

Die Kosten des Events am Partwitzer See kommen da noch rauf. Drei bis vier Millionen Euro grob geschätzt. Im Falle eines gering besuchten Festivals kann der Veranstalter – wohlwollend vermutet – maximal die Hälfte der Kosten decken. Den Rest müssen die SWH ausgleichen. Nun verdienen Stromunternehmen ja nicht so schlecht (eine Kilowattstunde kostet im Einkauf 5 Cent, bei Stromüberschuss sogar deutlich weniger); sind aber auch kein Quell unendlicher Mittel.

So kann man ja durchaus darauf spekulieren, dass die Endkunden-Preise der von der Holding verwalteten Unternehmen (Energie, Wasser, ÖPNV, Kultur) direkt und indirekt erhöht werden. Eine versteckte Kulturabgabe sozusagen. Wenn alle Stricke reißen, könnte die Stadt Hoyerswerda als mittelbarer Beteiligter für die Verluste haften und müsste diese aus eingenommen Steuergeldern begleichen. Ein nicht sehr wahrscheinlicher Fall, aber ein möglicher. Egal wie man es also dreht und wendet: Bezahlen wird der Hoyerswerdaer Bürger. Denn die Frage ist schon lange nicht mehr, ob mit dem Festival im Seenland große Verluste gemacht werden, sondern wieviel.

 

Nachreichung

Bereits zu meinem ersten Festival-Artikel wurde mir von einigen Seiten eine Miesepeter-Mentalität unterstellt. Man solle doch froh sein, dass mal jemand was in der Lausitz aufzieht. Und die Region, ich solle doch an die Wichtigkeit des Events für die Region denken.

Unbestritten begrüße ich alle Unternehmungen, welche Hoyerswerda und das Lausitzer Seenland bekannt machen. Ich unterstütze seit Jahren die Stadt und tue das noch immer; trotzdessen ich mittlerweile in Leipzig wohne. Allen voran die Kulturfabrik, die neben der Kinder- und Jugendarbeit kontinuierlich attraktive Veranstaltungshöhepunkte aufbaut (aktuell z.B. Fete de la Musique, das Sommerkino im Schloss oder das Straßentheaterfest). Letzteres begann klein, wuchs in den Jahren und hat mittlerweile einen Ruf, der selbst Leute aus der weiteren Umgebung anlockt.

Diesen Status will man am Partwitzer See jedoch von null auf hundert erreichen. Einen Status, den man sich mit Qualität, Ausdauer und Professionalität über Jahre erarbeiten muss. Natürlich wünsche ich dem Festival viele Gäste. Die sollen auch jede Menge Spaß haben, alles in guter Erinnerung behalten, es weiterempfehlen und vielleicht sogar wiederkommen. Mit einer längeren Planungsphase, einem regional erfahrenen Marketing-Team sowie mehr Geduld, hätte eine kleinere Version des Events jedoch wesentlich bessere Chancen auf einen Erfolg gehabt; sich gar zu einem Markenprodukt des Lausitzer Seenlands entwickeln können. Das angedachte Konzept ist nämlich so schlecht nicht, rast aber durch seine an Größenwahn grenzende Umsetzung von Beginn an auf einer Schiene entlang, die nur eine Endhaltestelle hat: den wirtschaftlichen Totalschaden. Und so etwas nützt der Stadt rein gar nichts, sondern macht sie lächerlich und verspielt das Vertrauen in zukünftige Veranstaltungskonzepte.